Agroforstwirtschaft

Alley Cropping in Brandenburg
   Alley Cropping in Brandenburg

Zur Agroforstwirtschaft (engl. agroforestry) zählen die verschiedensten Kombinationen landwirtschaftlicher Nutzungen (Ackerbau und Viehzucht) mit Bäumen und Sträuchern. Bekannte Beispiele dafür sind in Mitteleuropa Streuobstwiesen und Feldhecken (einschließlich Knicks). Aktuell besonders wirtschaftlich erscheinen streifenweise Kurzumtriebsplantagen in Ackerflächen (Agrarholz, "Alley Cropping"). Diese werden z.B. seit 2010 im östlichen Brandenburg getestet, wo wegen der besonders geringen Niederschläge die Minderung der Verdunstung durch Windschutz besonders wichtig ist. Auf der Website des Deutschen Fachverbandes für Agroforstwirtschaft finden Sie weitere Informationen und Antworten auf viele Fragen dazu.

Landwirte haben aus den verschiedensten Gründen eine Abneigung gegen (zusätzliche) Bäume auf ihren Flächen. Auch wenn manche positiven Effekte bekannt sind, so werden sie doch wegen der Langfristigkeit der erforderlichen Investitionen und der Konkurrenz um Fläche und Licht nicht gerne neu gepflanzt. Hinzu kommen drei weitere ernsthafte Probleme: Die Flächenprämie wird bisher nur unter besonderen Umständen für Gehölzflächen gezahlt, auf Pachtland ist man auf die Zustimmung des Eigentümers angewiesen und örtlich vorhandene Drainagen können durch Baumwurzeln verstopft werden.

Hier geht es jetzt darum aufzuzeigen, dass Investitionen in Gehölze lohnend sein können und wie der Gesamtertrag der Fläche mit Bäumen und Sträuchern höher werden kann als ohne diese.

Rein von der Biomasseerzeugung her kann die Kombination von Bäumen und z.B. Zuckerrüben produktiver sein als wenn beides getrennt wächst: Die einzelnen Bäume haben in Reihen mehr Licht zur Verfügung als in einem geschlossenen Bestand und bei den Zuckerrüben kann der Flächenverlust durch besseres Wachstum durch den Schutz vor Austrocknung so erhöht werden, sodass sogar der Flächenverlust durch die Bäume kompensiert wird. (Quelle: Mirck et al. 2016, S. 47-50 in: Tagungsband 5. Forum Agroforstsysteme). Auch bei anderen Feldfrucht-Gehölz-Kombinationen wurde in England beobachtet, dass die Gesamtproduktion in streifenweisen Mischungen höher ist als die in entsprechenden Reinkulturen : Lessons learnt : Silvoarable agroforestry in the UK. Die Angst vor Ertragsverlusten durch die Baumreihen ist also nicht immer berechtigt, vor allem, wenn auch die Gehölze gute Erträge bringen. Dabei muss die Produktion von Holzhackschnitzeln für die (eigene?) Energieversorgung nicht immer die beste Möglichkeit sein! Der Gesamtertrag aus Feldfrüchten und Gehölzen kann höher werden, als der der Feldfrüchte allein, auch wenn dieser mit zunehmener Größe der Bäume sinkt. Diese Tatsache und die sonstigen ökologischen Vorteile der Agrofostwirtschaft werden in einer sehr anregenden Präsentation von Patrick Worms auf den den Öko-Feldtagen 2019 und in einem (englischsprachtigen) Vortrag (PDF) anschaulich beschrieben. Auf der Website des EU-Projektes AGFORWARD werden traditionelle und innovative Agroforstsysteme in Europa anschaulich dargetellt.

Hier einige Anregungen wie Gehölze mehr Wertschöpfung liefern können als nur durch Energiehackschnitzel: In Frankreich werden Walnussbäume in Reihen auf Getreidefeldern angebaut. Diese produzieren nicht nur die teueren Nüsse, die in Deutschland fast ausschließlich aus Importen stammen, sondern auch ein sehr wertvolles Holz. (Quelle: Böllersen 2016, S. 39-46 in:Tagungsband 5. Forum Agroforstsysteme; Vielfältige Informationen und Beispiele zum Anbau und zur Verwertung der Walnuss auch unter https://www.walnussbauern.de/ und http://www.walnuss-manufaktur.de/index.php/produkte/walnuss-produkte). Im Interreg-Projekt AlpBioEco werden aktuell neue Wertschöpfungsketten für die Walnuss untersucht (Video dazu).

Esskastanien als Nahrung von Bäumen
Esskastanien = Nahrung auf Bäumen

Gleiches gilt für des Anbau von Esskastanien auf landwirtschaftlichen Flächen. Sie produzieren "Getreide auf Bäumen". (Video zum Anbau von Esskastanien im Wald und ihrer Verwertung) Auch Eicheln können nach entsprechender Vorbehandlung (Auswaschen der Gerbstoffe) als wertvolle Nahrungsmittel verwendet werden. Die Produktion von Stärke und Eiweiß für die Ernährung von Haustieren und Menschen auf Bäumen hat den Vorteil, dass sie keine jährliche Bodenbearbeitung erfordert und erheblich stabiler bei extremer Witterung ist. Ein Beispiel ist dafür die über viele Jahrhunderte ertragreiche Produktion von Esskastanien (und vielen Nebenprodukten) auf Korsika.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, die Welternährung zumindest teilweise von Getreide auf "naturnähere" Baumfrüchte umzustellen. Gerade Nüsse sind zudem ein wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Schon 1929 erschien das Buch von J. Russel Smith "Tree Crops - A Permanent Agriculture" (PDF-Download). Die erste praktische Umsetzung davon war “America’s No. 1 Tree Crop Farm”, dem Ausgangspunkt der amerikanischen Agroforestry-Bewegung. In der "New Forest Farm" in den USA wird dieses Konzept seit 20 Jahren erprobt. In den Niederlanden (Ketelbroek) hat Wouter van Eck einen "Food Forest" angelegt und erläutert wie "faule Bauern" Geld verdienen können, wenn sie Gehölze und die Natur "arbeiten" lassen. In England hat Martin Craford einen "forest garden" angelegt, den er in einem Video vorstellt. Und Geoff Lawton stellt das System des "Food Forest" sehr anschaulich dar. In Deutschland wollen u.a. Hendrik Gaede & Franziska Wolpert essbare Baumlandschaften erschaffen und haben dafür die Baumschule WurzelWerk gegründet! Das sind sozusagen extreme Formen von Agroforstwirtschaft. Nun zurück zu den "normaleren" Varianten:

Morhart et al. (2015) geben wertvolle Anregungen zur "Wertholz-Produktion in Agroforst-Systemen - Ein Leitfaden für die Praxis". Ein weiteres umfassendes Werk hat die schweizerische AGRIDEA herausgegeben: "Agroforstsysteme Hochstamm-, Wildobst und Laubbäume mit Kulturpflanzen kombinieren" (PDF-Download). Außerdem gibt es den "Leitfaden Agroforstsysteme - Möglichkeiten zur naturschutzgerechten Etablierung von Agroforstsystemen" des Bundesamtes für Naturschutz mit Empfehlungen für die naturschutzfachliche Optimierung (Artenwahl, Landschaftsbild, Biotopgestaltung usw.).

Auch Sträucher können auf landwirtschaftlichen Flächen Wind- und Erosionschutz bieten. Gerade wenn es im Frühjahr trocken ist, vermindern sie die Verdunstungsverluste der heranwachsenden Ackerkulturen. So werden z.B. in England Hecken mit Haselnüssen angelegt. In Sachen Energieholzproduktion können sie dort mit Weiden mithalten. Von der Nutzung der Nüsse war in dieser Quelle nicht die Rede, doch könnte diese einen zusätzlichen Ertrag bringen. (http://www.haselnussanbau-verein.de/index.html). Mancherlei Beerensträucher, darunter auch der weit verbreitete Holunder (BR Fernsehbericht: Rund um den Holunder), könnten vielleicht als Bestandteile von Schutzpflanzungen zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Landnutzung beitragen. 

 

Neues Konzept für den Aufbau agroforstlicher Systeme in Mitteleuropa, angelehnt an bewährte Praktiken in den Tropen

Paul Hofmann stellt sein agroforstliches Konzept vor
Paul Hofmann stellt sein agroforstliches Konzept vor
Zur Einführung in eine Podiumsdiskussion zum Thema „Wege zu mehr Agroforstwirtschaft“ am 23.01.2020 in Göttingen stellte Paul Hofmann sein Konzept dem Hof Sonnenwald im Schwarzwald vor. Inspiriert durch agroforstliche Systeme in den Tropen (Vorbild: Ernst Götsch) und basierend auf seiner Bachelor-Arbeit an der HNEE (PDF) hat er angefangen, sehr vielfältige Kombinationen mit Bäumen und Sträuchern aufzubauen. Vom 15. bis 19.4.2020 wird die Pflanzung (mit Freiwilligen) weitergehen. Interessant ist die oben abgebildete Kombination: Durch regelmäßige Schnittmaßnahmen, z.B. an den Kopfbäumen, soll die Belichtung gesteuert, Mulchmaterial gewonnen und die Biomasseproduktion durch den Erhalt eines mittelfrühen Sukzessionsstadiums optimiert werden (Details dazu: PDF). Zugleich wird dadurch das Angebot an ökologischen Nischen und damit die Artenvielfalt maximiert. Durch Beerensträucher und Wertholzbäume sollen in den Gehölzstreifen zusätzliche finanzielle Erträge erwirtschaftet werden.
Entscheidend für eine stärkere Verbreitung agroforstlicher Kulturen in Deutschland ist zunächst der Abbau rechtlich-finanzieller Hindernisse. Wünschenswert wäre eine Zahlung der Flächenprämie für das Gesamtsystem, da es zweifellos einen höheren ökologische Wert hat. Ein möglicher Ansatz dazu wird auf der Website der AG bäuerliche Landwirtschaft e.V. dargestellt. Ganz wichtig sind auch Beispielflächen, die zeigen, dass und wie es geht. Außerdem ist es wichtig, dass auf Bundesebene endlich Rahmenbedingungen wie z.B. eine rechtsverbindliche Agroforst-Definition geschaffen werden, die den Ländern eine unkomplizierte Aufnahme der Agroforstwirtschaft in die Länderförderprogramme ermöglichen bzw. dies unterstützen. Dazu eine Pressemitteilung des Deutschen Fachverbandes für Agroforstwirtschaft (DeFAF) vom 07.09.2020 mit sehr informativen Anhängen:

Anhang I - Definition von Agroforstsystemen
Anhang II - Agroforstsysteme in Deutschland (Auswahl)
Anhang III - Agroforstsysteme als Instrument der Europäischen Agrarpolitik
Anhang IV – Agroforstsysteme in der deutschen Presse (Auswahl)
Anhang V - Forschungsergebnisse zu Agroforstsystemen (Auswahl)
Anhang VI – Vorschlag des DeFAF zur Verbesserung der gesetzlichen und förderrechtlichen Rahmenbedingungen für Agroforstsysteme in Deutschland

Auf dem YouTube Kanal TRIEBWERK - Regenerative Landwirtschaft gibt es mehrere sehr gute Einführungsvorträge in verschiedene Aspekte der Agroforstwirtschaft.

 

Eine besondere Variante der Agroforstwirtschaft mit Tierhaltung wird auf einer eigenen Seite vorgestellt: Silvopastorale Systeme

 

Laufend aktuelle Meldungen dazu unter: https://twitter.com/ErnstKursten

 

(Wird laufend ergänzt!)

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